Die Geschichte einer Wertschöpfung
Kunst mit Preis (Vorgeschichte I)
Am 12. Mai 2021 erschien eine Nachricht auf kunstforum.de. Ihr Titel lautete „Teuerster österreichischer Künstler: Günter Brus“. Der Inhalt der Nachricht lässt sich grob so zusammenfassen:
- In der Auktion bei Ressler fiel der Zuschlag für das Werk bei 750.000 EUR. Der Verkaufspreis gesamt waren 930.000 EUR.
- Das Werk von Brus ist eine Rarität. 1968 flüchtete er nach Berlin und musste die meisten Arbeiten zurücklassen.
- Zwischenzeitlich war es im Besitz des verstorbenen Industriellen Helmut M. Zoidl.
Preis und Provenienz scheinen tadellos – und über das Kunstwerk „Ohne Titel“ von 1961 selbst finden sich die Angaben, dass es „eine informelle Arbeit“ in der Größe von 222,5 × 239,5 cm sei, ausgeführt in Dispersion auf Nessel.
Regelmäßig führen derartige Ereignisse am Kunstmarkt zu vergleichbaren und auch außerhalb der Kunstwelt wahrgenommenen Nachrichten, in denen es eigentlich nur um den Preis geht. Als Gefühl und vor allem als Frage bleibt dabei: Was kann Kunst denn für die Gesellschaft leisten, wenn von ihr im Grunde bleibt, wer wem wie viel bezahlt hat?
Förderpreis (Vorgeschichte II)
In Innsbruck hat eine gemeinnützige Stiftung ihren Sitz, die mit vollem Namen „Komm.Rat Dr. Hans Klocker und Dr. Wolfgang Klocker Stiftung“ heißt. Ihr Stiftungszweck ist u. a. die Förderung der Kunst und im Sinne dessen vergibt sie seit 2014 jährlich wechselnd einen großen Kunstpreis und ein bis zwei Förderpreise, verbunden mit der Möglichkeit, im Klocker Museum in Hall in Tirol eine Ausstellung zu gestalten.
Die Preise werden auf Empfehlung eines Beirats vergeben und Förderpreise sollen Künstlerinnen und Künstlern zugesprochen werden, die ...
... das Potenzial haben, exemplarisch für die Entwicklung der österreichischen Kunst zu werden und deren Werk von überregionaler Bedeutung ist.
Klocker Kunstpreis, www.klockermuseum.at/de/kunstpreis
Für das Jahr 2024 erhielt Richard Schwarz diesen Förderpreis; genauer: jene Arbeiten, die unter dem Label „islandrabe“ in unterschiedlichen Kooperationen entstanden sind. Das kam überraschend. Der Preis wird ohne Bewerbung vergeben.
Schwarz nutzte die mit dem Förderpreis verbundenen Möglichkeiten für drei Arbeiten unter dem Titel „Wofür das Geld“, die zum Thema hatten:
- die Geschichte des Preisgeldes – woher kommt das Geld, das er bekommt?
- die Zukunft des Preisgeldes – wo sollte dieses Geld in Zukunft ‚arbeiten‘?
- und die Gegenwart des Preisgeldes – und um die geht es im weiteren Verlauf des Textes.
Das Werk und sein Preis
Das Cartellino für das Werk „Wofür das Geld II“ lautet:
Stempeldruck auf Fadenetikette
1,8 × 2,3 × 0,04 cm
islandrabe 2024
Auf die Vorderseite ist „€ 2149,–“ gestempelt, der Preis des Werks. Auf der Rückseite finden sich die Signatur „islandrabe“ und das Produktionsjahr sowie die Angabe „1/1“, die es als Original ausweist. Zum Werk gehören auch ein dessen Echtheit bestätigendes Zertifikat, der Entwurf einer Presseaussendung im Falle des Verkaufs und eine Box zur Aufbewahrung. Es existiert ein „Artist Proof“, der als solcher ausgewiesen ist.
Relevant für die Preisbildung sind drei Dokumente aus dem Bereich Wirtschaftstheorie und Kunstmarktgeschichte.
1945 erschien der Text „The Use of Knowledge in Society“ vom 1899 in Wien geborenen Ökonomen Friedrich Hayek. Damals musste er in der Zeitschrift „The American Economic Review“ den Neoliberalismus quasi noch ‚erklären‘; und an einer Stelle bringt Hayek auf den Punkt, warum der Preis (in der Theorie) die einzig nötige und relevante Information ist.
The whole acts as one market, not because any of its members survey the whole field, but because their limited individual fields of vision sufficiently overlap so that through many intermediaries the relevant information is communicated to all. The mere fact that there is one price for any commodity – or rather local prices are connected in a manner determined by the cost of transport, etc. – brings about the solution which (it is just conceptually possible) might have been arrived at by one single mind possessing all the information which is in fact dispersed among all the people involved in the process.
Friedrich A. Hayek: The Use of Knowledge in Society, in: The American Economic Review 35, Nr. 4 (1945).
1967 schlossen der Künstler Gerhard Richter und sein Galerist Heiner Friedrich einen Vertrag, der ihre wirtschaftlichen Beziehungen regelte. Im Unterschied zum vorhergehenden Vertrag der beiden enthält dieser eine einfache Art, den Preis der Bilder mittels einer Formel zu berechnen: „Höhe + Breite mal 10 = DM“; und „10“ ist in dem Fall der damalige Künstlerfaktor von Richter.
1989 veröffentlichte der Ökonom William D. Grampp sein Buch „Pricing the priceless“. Darin zieht er – kurz gefasst – den Schluss, dass der ästhetische Wert mit dem wirtschaftlichen Wert übereinstimmen würde; dazu eine Stelle aus dem Kapitel „Art and Economies Reconciled“:
To say that aesthetic value is ‚consistent‘ with economic value is to say no more than that the particular comes within the general, or that aesthetic value is a form of economic value just as every other form of value is. […] A consequence of the relation of the values is that the price of a work of art is proportional to its aesthetic utility. That, in turn, means the price of work A is to its aesthetic utility as the price of B is to its aesthetic utility. This is another way of saying the prices of things are proportional to their (marginal) utilities. In ordinary language that means when we buy something we believe it is worth its price; otherwise we would not buy it.
William D. Grampp: Pricing the priceless. Art, artists, and economics, New York 1989.
Diese Grundlagen führen nun zu folgender Berechnung des Preises für das Kunstwerk:
- Seit 1970 erscheint der Kunstkompass. Und damit ist er das Kunst-Ranking-System mit der längsten Tradition.
- Darin findet sich auf Platz 35 Erwin Wurm und damit ist er der bestplatzierte Kunstschaffende aus Österreich (Stand 2024).
- In einem Interview für Red Bull wird auf die Frage „Wer legt die Preise fest?“ ein Preisbeispiel für eine Skulptur gegeben; mit der Formel – „(Länge + Breite + Höhe) × Faktor“ – ergibt das für Wurm einen Faktor von 518 EUR/cm.
- Dieser Faktor wird nun für islandrabe um 1 erhöht, also 519 EUR/cm, und das ergibt – wiederum anhand der oben angewandten Formel – für den Stempeldruck auf Fadenetikette mit der Größe 1,8 × 2,3 × 0,04 cm den Preis von 2.149,– EUR als Bruttopreis.
Damit ist „Wofür das Geld II“ das teuerste Kunstwerk Österreichs eines lebenden Künstlers pro cm. Abschließend noch folgende Angaben zu dessen Wertbeständigkeit:
- Das Material der Fadenetikette ist „Karton“. Bei einem Test wurde eine Fadenetikette gleicher Produktion einen Monat am Fensterbrett der Sonne ausgesetzt, was zu ganz leichtem Vergilben führte.
- Der Stempeldruck ist in dokumentenechter Farbe ausgeführt.
- Für die Aufbewahrung ist ein dunkler, trockener Ort bei Raumtemperatur ausreichend. Der Platzbedarf ist gering. Diese Faktoren wirken sich positiv auf die Kosten zur Lagerung des Kunstwerks aus.
Wofür die Kunst
Auch wenn kein Künstlerin- oder Künstlerfaktor angegeben ist, so zeichnet sich in der Preisgestaltung doch eine derartige Grundlage ab. Mit großer Wahrscheinlichkeit kostet ein großes Bild einer bestimmten Künstlerin oder eines bestimmten Künstlers proportional mehr als ein kleines; die Idee scheint dabei nebensächlich.
Auf die bereits erwähnte Frage „Wer legt die Preise fest?“ antwortet Wurm:
Ich und meine Galeristen. Es ist ein Spiel – in unserer Gesellschaft werden nur Dinge wertgeschätzt, die etwas kosten.
Hans Peter Riegel erzählt in der Biografie über Joseph Beuys eine Anekdote vom Kölner Kunstmarkt aus dem Jahr 1969. Bis zu dem Zeitpunkt sei trotz der Aufmerksamkeit für Werke von Beuys der Markt für ihn unterkühlt gewesen. Deshalb wollte René Block, der Beuys als Galerist vertrat, ein Exempel statuieren. Während des Aufbaus besuchte er die Stände der Konkurrenz und sah ein sehr schönes Bild von Robert Rauschenberg für 110.000 Mark – und gab daraufhin der Arbeit „das Rudel“ von Beuys den gleichen Preis. Während der Messe besuchten ihn Kollegen und fragten zuweilen auch etwas spöttisch: „Und schon verkauft ...?“ Am letzten Tag wurde das Werk für den Preis verkauft, eine Sensation – und Beuys war der teuerste lebende deutsche Künstler.
- Geld scheint Kunst zu schaffen.
- Wenn Geld im Spiel ist, bekommt Kunst Aufmerksamkeit.
- Geld und Aufmerksamkeit sind die Qualitätskriterien für Kunst.
Gerne werden der Kunst Qualitäten zugeschrieben, wie „die Realität herausfordern“, „Grenzen ausloten“ oder sie „überschreiten“. Doch kann sie diese Erwartungen einlösen, wenn ihr Wert nur am Preis festgemacht wird? Ermöglicht sie uns selbst neu zu verstehen, wenn sie nur durch den Blick auf den Preis wahrgenommen wird, an dem wir – auch allgemein – nichts kritisieren; oder wo die Kritik daran selbst sofort umarmt wird und Profit abwirft?
Geld dient auch bei „Wofür das Geld II“ dazu, den Wert des Kunstwerks zu definieren. Im Falle des Kaufs wird es Teil des Werks und so vielleicht das Mittel zum Zweck, um eine ernsthafte Frage nach dem Wert von Kunst zu stellen.
Die Chance ist da, es herauszufinden – für 2.149,– EUR.